2008
06
Apr
Gewichtige Argumente gegen den Mindestlohn
Olaf Gersemann, seines Zeichens stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft, Finanzen und Immobilien bei der WELT, befaßt sich mit den Argumenten pro und contra Mindestlohn und führt dabei eine wichtige neue Studie ins Feld. Seinen (aus unserer Sicht ausgesprochen wichtigen) Beitrag unter dem Titel “Mindestlohn ist unsozial” geben wir im folgenden auszugsweise wieder:
“Sieben weitere Branchen bewerben sich (…) um die Einführung eines Mindestlohns. Das sind weniger, als Scholz erhofft hat. Aber mehr als genug. Denn jede Branche, in der ein Mindestlohn eingeführt wird, ist in einer Wissensgesellschaft eine zu viel.
Es gibt eine Reihe guter Argumente gegen Mindestlöhne: Verbindliche Lohnuntergrenzen dienen etablierten Unternehmen dazu, sich gegen Neueinsteiger abzuschotten. Sie führen außerdem zu einer dauerhaften Politisierung der Lohnfindung, das bewährte Prinzip der Tarifautonomie wird ausgehebelt.
Das Hauptargument ist aber ein anderes: Mindestlöhne schaden oft gerade jenen Menschen, denen sie angeblich nützen sollen. Genauer gesagt: Sie helfen womöglich einigen sozial Schwachen - schaden aber umso mehr vielen anderen, die sich in einer noch sensibleren Situation befinden.”
Zu dem Kernargument der Mindestlohn-Befürworter, Mindestlöhne gebe es auch in anderen Ländern und dort schadeten diese ja schließlich auch nicht, schreibt Gersemann:
“Natürlich haben auch die Befürworter von Mindestlöhnen ein paar - vordergründig schlagkräftige - Argumente zur Hand. In fast allen Industrieländern gibt es die Lohnuntergrenzen, heißt eines, und viele dieser Länder sind dennoch der Vollbeschäftigung näher als Deutschland.
Nur wird dabei ignoriert, dass andernorts längst ein schleichender Abschied vom Mindestlohn zu beobachten ist. In den USA etwa, wo gerade die Beschäftigung unter Geringqualifizierten deutlich höher ist als hierzulande, ist der Mindestlohn inflationsbereinigt in den vergangenen 40 Jahren um 39 Prozent gefallen! Selbst nach einer deutlichen Erhöhung im Juli vergangenen Jahres liegt er nun umgerechnet bei gerade einmal 3,80 Euro. Nur zwei Prozent der Erwerbstätigen in den USA wurden 2007 von ihm erfasst, in Großbritannien ist der Anteil genauso gering - der große Rest verdient ohnehin mehr. Hierzulande ist dagegen von Mindestlöhnen auf einem Niveau die Rede, das nahezu doppelt so hoch liegt (…).
Ein anderes Argument ist ernster zu nehmen: Es könnte ja sein, dass ein Mindestlohn sogar auch Beschäftigung schafft - weil es Menschen gibt, die für fünf Euro die Stunde nicht arbeiten wollen, aber für sieben oder acht durchaus. Die Frage, ob ein Mindestlohn per saldo Jobs vernichtet oder schafft, kann daher letztlich nur die empirische Forschung klären. Tatsächlich gibt es viele einschlägige Studien, und einige scheinen sogar zu belegen, dass Mindestlöhne gar nicht so beschäftigungsfeindlich sind.
Der Stand der Forschung ist aber ein anderer, zeigen David Neumark von der University of California und William Wascher von der amerikanischen Zentralbank. Erstmals haben die beiden Wirtschaftswissenschaftler die zur Verfügung stehende Fachliteratur der vergangenen 15 Jahre durchforstet. Die Schlussfolgerung ihrer 180-Seiten-Studie ist so eindeutig, wie empirische Ergebnisse nur sein können: ‘Die oft aufgestellte Behauptung, die jüngere Forschung könne die Aussage nicht bestätigen, dass der Mindestlohn die Beschäftigung gering qualifizierter Arbeitnehmer reduziere, ist eindeutig inkorrekt.’
Anders ausgedrückt: Entweder ist ein verbindlicher Mindestlohn so niedrig, dass er nicht greift und folglich irrelevant ist. Oder er vernichtet unter dem Strich Arbeitsplätze. Manche Geringqualifizierte mögen erst durch ihn auf den Arbeitsmarkt gelockt werden. Aber eine größere Zahl wird dadurch aus dem Arbeitsleben gedrängt. Arbeit wird letztlich nur umverteilt - von sozial Schwachen zu anderen sozial Schwachen.“
Entscheidend ist aber letztlich auch - und auch in diesem Punkt können wir Olaf Gerseman nur zustimmen - die Signalwirkung von Mindestlöhnen an junge Menschen:
“Bedeutsamer noch ist die Botschaft, die Mindestlöhne an Jugendliche und junge Erwachsene senden. Die Einkommensungleichheit wächst in den meisten Industrieländern, und sie wächst vor allem deshalb, weil die Wirtschaft mehr Hochqualifizierte braucht als früher und diesen begehrten Arbeitskräften daher höhere Löhne zahlt. Bildung lohnt sich, heißt das Signal an die Jungen.
Mindestlöhne aber konterkarieren dieses Signal: Sie liefern einen Anreiz zur Kurzsichtigkeit, sie verleiten dazu, die mit einem längeren Bildungsweg verbundene vorübergehende Einkommensarmut zu vermeiden - und lieber gleich ein einigermaßen auskömmliches Gehalt zu erzielen. Warum die Schule abschließen, warum eine Lehre absolvieren, warum studieren, wenn es auch anders geht? In Mindestlohn-Ländern deutet viel darauf hin, dass es diesen Effekt gibt. Nicht weniger als 47 Prozent der Mindestlohnbezieher in den USA waren 2007 unter 25 Jahre alt.”
Den ganzen Artikel finden Sie unter http://www.welt.de/wams_print/article1874313/Mindestlohn_ist_unsozial.html - Lektüre dringend empfohlen!
