2008 13
Mrz

DGB: “Topökonomen verkennen reale Lage”

Tag: Gewerkschaftenadmin @ 11:17 pm

Es war ja eigentlich nicht anders zu erwarten: Kaum hatten sieben führende Wirtschaftswissenschaftler ihre klar ablehnende Haltung zum Mindestlohn geäußert, folgen massive Proteste der Gewerkschaften.

So bezeichnete DGB-Vorstandsmitglied Claus Matecki die Stellungname der renommierten Wissenschaftler als “ökonomische Geisterfahrt” und wirft den Experten vor, das Instrument von Mindestlöhnen in einer “völlig unqualifizierten Weise” zu beschreiben. Und weiter:

“Wenn die Ökonomen formulieren: ‘Mindestlohn ist nicht erforderlich, um eine Grundsicherung bereitzustellen’, zeigt das in zynischer Weise, dass sie die Geringverdiener in der Abhängigkeit von Hartz IV halten wollen und damit auch Altersarmut breiter Massen billigend in Kauf nehmen. (…) Zudem verkennen die Herren, dass die ergänzenden Transferleistungen erhebliche Belastungen für die Haushalte darstellen.”

Herr Matecki, lassen Sie uns doch einfach mal bei der Wahrheit bleiben: Keiner der Experten ist ein Fan staatlicher Transferleistungen. Wo liegt das Interesse, “Geringverdiener in Abhängigkeit von Hartz IV” zu halten? Fakt ist doch, dass der Staat in der Tat via Hartz IV das Existenzminimum sichert. Wenn es heute Arbeitsverhältnisse gibt, die ein niedrigeres Einkommen ergeben, dann ist das eine logische Konsequenz aus Angebot und Nachfrage. Wenn der Staat hier Handlungsbedarf sieht, tut er das einzig Richtige und zahlt Zuschüsse zu geringen Löhnen.

“Bei unseren europäischen Nachbarn, die seit geraumer Zeit Erfahrung mit Mindestlöhnen haben, führten sie sogar zur Beschäftigungssicherung.”

Wie bitte? Mindestlöhne sichern Arbeitsplätze? Wie ideologisch versaut muss man eigentlich sein, um einen solchen Unfug von sich zu geben? Bestenfalls haben Mindestlöhne keinen Einfluß, aber einen positiven Einfluß auf die Beschäftigung zu konstruieren, erfordert schon eine vollständige Ignoranz wirtschaftlicher Zusammenhänge.

Und wenn der werte Herr Gewerkschafter den Text der Ökonomen richtig gelesen hätte, wüsste er sehr wohl zwischen der unterschiedlichen Wirkung von Mindestlöhnen in verschiedenen Ländern zu differenzieren: In Frankreich ist die schädliche Wirkung der Mindestlöhne offensichtlich, und in Großbritannien überlagern andere positive Faktoren den negativen oder bestenfalls neutralen Einfluß der Mindestlöhne.

Matecki unterstellt weiterhin, dass die Aussage der Wirtschaftswissenschaftler “interessengeleitet” seien - welch ein Hohn aus dem Munde eines Gewerkschafters, der in der Mindestlohndebatte ganz direkt Lobbyarbeit betreibt. Das wird spätestens dann deutlich, wenn Matecki betont, “im Hinblick auf die künftige Arbeitnehmerfreizügigkeit aus den EU-Ostmitgliedsstaaten” bestehe “erheblicher politischer Handlungsbedarf”.

PS: Wie uns der DGB auf seiner Web-Site verrät, ist Claus Matecki gelernter technischer Zeichner und studierter Diplom-Pädagoge. Unweigerlich fragt man sich: Woher nimmt jemand mit einem solchen Hintergrund die Chuzpe, den Sachverstand von Deutschlands Top-Wirtschaftswissenschaftlern infragezustellen?

Leave a Reply

You must be logged in to post a comment.