2008
04
Mrz
Alle haben einen Mindestlohn, nur Deutschland nicht
Ein beliebtes Argument von Gewerkschaften und Linken lautet: In vielen Ländern der Welt gibt es einen Mindestlohn - und dort schadet er nicht. Es lohnt sich jedoch, mal etwas genauer hinzusehen.
In den USA zum Beispiel gibt es einen Mindestlohn - und das schon seit 1938. Allerdings: Der USA-weite Mindestlohn liegt bei umgerechnet gerade einmal 4 Euro, in einigen Bundesstaaten sind es um die 5 Euro, nur in ganz wenigen Ausnahmen sind es höhere Beträge. Hinzukommt, dass in den USA die Lohnnebenkosten gerade im Niedriglohnsektor dramatisch geringer sind als in Deutschland, so dass aus Sicht der Arbeitgeber die Gesamtkosten durch einen Mindestlohn moderat sind. Zudem ist der Arbeitsmarkt insgesamt sehr viel weniger reguliert, so dass im Falle von Auftragsrückgängen Entlassungen wesentlicher einfacher sind, die Belastung durch Lohnzahlungen bei schlechter Autragslage also weniger stark ins Gewicht fallen.
Schaut man sich die Mindestlohnsituation in Europa an, so fällt auf, dass zwar viele Staaten eines Mindestlohn haben, dieser aber im Regelfall wesentlich unter den für Deutschland diskutierten 7,50 Euro pro Stunde liegt.
In Spanien zum Beispiel bei 3,42 Euro, in Portugal bei 2,41 Euro und bei unseren osteuropäischen Nachbarn Polen, Tschechien und Ungarn sogar nur bei durchschnittlich 1,50 Euro. Es wird wohl niemand bestreiten, dass - von der grundsätzlich ordnungspolitischen Problematik abgesehen - ein Mindestlohn umso problematischer für eine Volkswirtschaft ist, je höher er ausfällt. Mit anderen Worten: In den meisten europäischen Ländern ist der Mindestlohn so gering, dass seine Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt minimal sein dürften - und demzufolge keine Schlüsse für einen deutliche höheren Mindestlohn in Deutschland gezogen werden können.
Höhere Mindestlöhne gibt es in Europa vor allem in Frankreich (8,44 Euro), Großbritannien (8,20 Euro) und den Niederlanden (8,08 Euro). Frankreich ist dabei wohl kaum als positives Beispiel zu sehen - die französische Volkswirtschaft und der französische Arbeitsmarkt sind in einem mindestens ebenso überregulierten und reformbedürftigen Zustand wie ihre deutschen Pendants. Gerade Großbritannien hingegen ist ein Beispiel für eine Volkswirtschaft und einen Arbeitsmarkt, die in wesentlichen Aspekten (nach teilweise schmerzhaften Reformen) modern und leistungsfähig sind - und demzufolge einen Mindestlohn durchaus “verkraften” können. Allerdings darf man nicht vergessen, dass die Lebenshaltungskosten in Großbritannien spürbar höher sind als in Deutschland und der britische Mindestlohn kaufkraftbereinigt gar nicht mehr so hoch ist.
Die Schlussfolgerungen daraus sind:
1. Ein Mindestlohn per se ist nicht unbedingt ein Problem - es kommt ganz wesentlich auf seine Höhe an.
2. Ob eine Volkswirtschaft einen (vergleichsweise hohen) Mindestlohn verkraften kann, hängt ganz wesentlich auch von anderen Parametern (Lohnnebenkosten, Qualifikationsstand der Arbeitnehmer, Kündigungsschutz …) ab.
Vor diesem Hintergrund ist die Darstellung der Gewerkschaften von Mindestlöhnen im internationalen Vergleich - höflich formuliert - problematisch oder - um es deutlicher zu sagen - unvollständig, tendenziös und manipulativ.
